Geschichten


Aus der Unterwelt


(von Chr. Fleischhauer) [Landauf, landab – Geschichte und Geschichten aus dem Waldecker Land, Verlag Ernst Funk, Bad Wildungen 1924]

Der Einjährige Millner war zum ersten Male mit dem Kommando von 40 Mann nach Schloß Waldeck gekommen. Er hatte gerade nicht sehr gern den Aufenthalt in der Residenz (Schloß Arolsen) mit dem in dem alten „Steinkasten“ (Burg Waldeck) vertauscht. Das Romantische der alten Burg reizte ihn gar nicht, wie er schon unterwegs dem Kommandoführer widerholt auseinandergesetzt. Aber was half das Räsonieren? Der Bien muß!

Der Einjährige war bei den Kameraden nicht beliebt. „Ein Hochmutspinkel ist er!“ sagte der Frieder aus dem Edertale, der auch mit dem Kommando war. „Ein ausgemachter Hochmutspinkel, das sag ich!“

Der Frieder ging, im Gegensatz zum Einjährigen, gar gern mit zum alten Schlosse. Er kannte es seit seiner Jugendzeit und war während seiner Dienstzeit mehr als einmal hier oben auf Kommando gewesen. Und er ging immer wieder gern mit, drängte sich dazu, denn er wußte wohl Gelegenheit zu finden, im Laufe des Monats mehr als einmal nächtlicherweise den alten Mauern den Rücken zu kehren und drunten im Heimatdorfe einen Tanz oder eine Spinnstube mitzumachen. Doch ich will nichts weiter verraten, wenn auch unser Frieder schon längst auf Kommando bei der großen Armee ist.

Frieders Ärger auf den Einjährigen hatte einen besonderen Grund. Er wäre seinerzeit gern bei ihm Bursche geworden, der Extra-Einnahme wegen. Aber Millner hatte den Frieder einen Tölpel genannt. Aus seiner Anstellung war nichts geworden, aber der Ärger war geblieben. Rache ist süß. Vielleicht, daß sich hier oben, wo Frieder alle Winkel kannte, einmal Gelegenheit bot, dem „Hochmutspinsel“ eins auszuwischen.

Und die Gelegenheit kam.

Wer das alte Schloß kennt, weiß, daß sich im Erdgeschoß des Hauptflügels, nahe dem Tore, die Wachstube befand und daß sich unter diesem Erdgeschoß ein weiter Kellerraum hinzieht, so groß, daß man drinnen ein Volksfest feiern könnte. Heute (um das Jahr 1860) lagern dort die geistreichen, teueren Vorräte des Schloßwirts. Damals befanden sich hier unten die Marmorsägereien, in denen eine Reihe Zuchthäusler beschäftigt war. Es war ein mühselig Geschäft, den harten Stein zu sägen. Zwei Männer bedienten die Handsäge in stetem Hin und Her. Ein dritter stand dabei und kühlte den heißgelaufenen Stahl mit Wasser. Und das Wasser? Ein rarer Artikel hier oben. Da war in dem nahe dem Schloßeingange gelegenen Teile dieses Stückes Unterwelt eine weite Grube ausgehoben. Hier sammelten sich die Abwässer des Schloßhofes: Regenwasser, Jauche und andere angenehme Flüssigkeiten und bildeten einen Kump. Durch einen Schacht, den nahe dem Schloßtor ein eiserner Rost deckt, floß das Wasser in die Tiefe und gab dem Handlanger den Stoff zum Netzen der Säge.

Ein guter Kletterer konnte leicht aus der Unterwelt an den Eisenrost gelangen und einen Blick hinaus tun in die enge Welt des Schloßhofes – bei trockenem Wetter! Sonst –

Heute Nacht stand der Einjährige Posten im Tonnengewölbe des Schloßtores. Bis 12 Uhr mußte er hier gehen und stehen. Je nachdem. Und dann, wenn es heute Nacht 12 Uhr schlug, ging ein neues Jahr an. Neujahr! Und das erleben in dem alten Steinkasten! Langweilig, zum Sauerwerden langweilig. Noch Minuten, dann werden in der Residenz die Gläser klirren, die Toaste ertönen. Hier schreien die Eulen, schnarchen die Gefangenen, sitzt die Wachmannschaft bei qualmender Ölfunzel bei Kartenspiel und Dünnbier im rauchigen Lokale. Langweilig – entsetzlich lang - -


Millner fuhr aus seinen Gedanken jäh empor und sprang zur Seite. Er stand, ohne daß er es wußte, dicht neben dem Eisenroste der den Schacht in die Unterwelt deckte.

Millner horchte. Was war das? War nicht eben sein Name gerufen worden? M –M – i – ll – ner. Klar und deutlich. Woher kam die Stimme. Jetzt wieder. Spukte es hier wirklich, wie alle Abend in der Wachstube erzählt wurde? Die Haare wuchsen unter dem Helme. Da – kams wieder. Eine hohle Stimme. Nicht rechts, nicht von links, nicht von oben! Ohne Zweifel. Aus der Tiefe der Erde.

Da hob die Uhr aus zum Schlage. Zwölf! Und da kam’s deutlich von unten: „Prost Neujahr! Millner, Sie sind ein Tölpel, ein - - „

Noch ein Lachen, und dann ein Krachen, ein Rutschen, ein Schrei, ein Platsch, wie wenn ein Stein ins Wasser fällt, ein unterdrückter Hilferuf - - -.

Neujahrsläuten vom Turme der Stadtkirche! Schüsse! Glückwünsche! Ablösung!

Mehr tot als lebendig stürzte der Einjährige in die Wachstube. Kreidebleich stand er und erzählte sein Erlebnis, dann sank er in den Sessel des Kommandoführers und stöhnte: „Einen Schnaps, gebt mir einen Schnaps!“

Ungläubig starrte man den armen Millner an. Zum Glück trat eben der Gefangenenwärter, der in jener Zeit zugleich Schloßwirt war, mit einer Ladung Dünnbier und Branntwein in die Erscheinung. Man wollte doch hier auch Neujahr feiern.

Der Alte hatte sofort ahnend die Lage erfaßt. Sein Schlüsselbund rasselte, seine Ölfunzel leuchtete, und mit ein paar beherzten Soldaten gings die lange, lange Treppe vom Schloßhofe hinab in die Tiefe des Kellergeschosses. Ein seltsam Bild bei trübem Lampenscheine. In dem weiten Tümpel da unten schwamm und schnatterte die Edergans, schnatterte vor Frost und konnte das Ufer nicht finden.

Man zog den Duftenden heraus. Er erzählte zähneklappernd, wie er, den Einjährigen zu schrecken, bis zu dem Eisenrost vorgedrungen sei, wie er gerufen, sich dann aber vor Lachen nicht mehr habe halten können. Das Weitere lag vor aller Augen und beschäftigte alle Nasen.

„Bestrafter Vorwitz!“ knurrte der Gefangenenwärter und machte dazu eine bezeichnende Bewegung mit der Hand. Er hätte gern der Strafe noch einigen Nachdruck mit der Haselnußgerte gegeben. Das war sonst sein Amt.

In der Nacht bezog Frieder keine Wache mehr. Seine Kluft mußte ausgelüftet, ausgewaschen und getrocknet werden. Er selbst lag, in Decken gewickelt, auf der Pritsche, frierend.

„Leg noch ein Knickstchen in den Ofen!“ stöhnte er. Ein „Fäßchen“ hatte der Einjährige für die Neujahrsfeier schon vorher bewilligt. Nun aber!

„Dünnbier für einen Halbtoten!“ fragte vorwurfsvoll der Sergeant. Millner verstand. Hätte er nicht verstanden, das Licht wäre ihm gekommen, da ein Soldat dem anderen in die Rippen stieß und laut genug bemerkte: „Punsch wäre besser als Bier, auch für uns!“

Auf einen Wink des Einjährigen eilte der Kantinenwirt geschäftig hinaus. Bald kochte auf dem kleinen Ofen das Wasser im mächtigen Kessel, bald dampfte der Punsch. Es kam Leben in die Bude und auch Frieder taute auf. Der Einjährige war gar nicht so. Nach dem fünften Glase machte sich in ihm eine Stimme bemerkbar, die ihm sagte, daß er eigentlich an dem Unglücke schuld sei. Beim sechten Glase setzte er sich neben den Unglücksraben, beim siebenten fing er an, ihn zu trösten, beim achten sprach er feierlich:“Wenn wir wieder glücklich nach Arolsen kommen, sollst du mein Bursche werden.“ Da drückte der Frieder, hingerissen von Dankbarkeit und Punsch, dem Gütigen die Hand, daß die Finger knackten und sagte gerührt: „Und ich gehe für dich durch dick und dünn, darauf kannst du dich verlassen!“

Dann wischte er sich die Stirn und streckte die große Zehe unter der Decke hervor.

Er war ins Schwitzen gekommen.



Die Stollmühle


[Abgedruckt in "Volksüberlieferungen aus dem Fürstenthum Waldeck", Autor: Ludwig Curtze, Verlag A. Speyer, Arolsen 1860)

Der Fürst Anton Ulrich reiste einmal von Arolsen nach Fritzlar. Bei seiner Zurückkehr war die Eder so groß geworden, dass er sich fürchtete, hindurch zu reiten. Da erbot sich ein junger Müllerbursch aus Fritzlar, vor ihm her zu reiten. Dadurch bewogen, sagte der Fürst zu ihm: "Mein Sohn, hast du Lust später einmal in meinem Lande eine Mühle zu pachten, so wende dich an mich". Der junge Mensch kam nun und pachtete die Mühle zu Gellershausen. Als aber später diese Mühle ohne sein Wissen an einen Anderen verpachtet worden war, so machte er sich gleich auf nach Arolsen. Auf seinem Wege dorthin kam er an einem Platz, wo zwei Arrestanten, welche auf dem Schlosse Waldeck gesessen hatten, wegen eines Hammerwerkes einen ungefähr 100 Fuß langen und 10 Fuß hohen Stollen durch den Berg gehauen hatten, wofür ihnen ihre Freiheit geschenkt war. Dieser Platz gefiel ihm so gut, dass er in Arolsen nun den Fürsten bat, ihm diesen Platz schenken zu wollen. Der Fürst schenkte ihm denselben und nun erbaute er hier die Mühle, welche jetzt noch daselbst steht und den Namen "Stollmühle" trägt.

(Heute gibt es diese Mühle schon lange nicht mehr. Denn seit fast 100 Jahren liegen ihre Grundmauern auf dem Grund des Edersees)

Das Foto wurde von Frau Ilse Severin zur Verfügung gestellt.



von Christian Fleischhauer aus dem Buch "Landauf, landab!"


Ich möchte hier die im Buch „ Landauf, landab“ abgedruckte Geschichte nicht Wort für Wort wiedergeben, sondern die, wie wir es in Neudeutsch ausdrücken, zugrunde liegende Message wiedergeben.

Vor hundert Jahren - Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts – wanderten viele europäische Bürger nach Amerika aus, in der Hoffnung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein Auskommen und das Glück zu finden. Und viele von Ihnen schafften es in der Tat auch, dass es ihnen im fernen Amerika besser ging als zuvor hier in Europa.

So reiste auch eine junge Familie aus dem Waldecker Land zusammen mit der Mutter nach Amerika aus. Sie fand in Chicago ein neues Zuhause und Arbeit. Es ging ihnen gut. Die jungen Leute konnten sich in der neuen Heimat gut zurecht finden und lernten sich in der dortigen Umgangssprache auszudrücken. Ihren Kindern fiel dies noch wesentlich leichter, da sie dort mit der englischen Sprache aufwuchsen. Schwerer hingegen fiel es der Großmutter sich mit der Sprache und der neuen Heimat anzufreunden. Sie lernte nur einige wenige englische Worte (Brocken) und sprach im Familienkreis in ihrer Heimatsprache. Kurzum sie sprach deutsch, dachte in Deutsch und sehnte sich nach ihrer alten und einzigen Heimat.

Die Kinder der Familie wuchsen in der Obhut der Großmutter auf und so lernten sie neben der englischen Sprache auch die deutsche Sprache kennen. Sie waren letztlich in der deutschen Sprache ebenso sicher wie in der englischen. Aber sie lernten durch ihre Großmutter nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur, die Sitten, die Poesie, Geschichten, Märchen und Sagen aus der alten Heimat kennen.

In stiller Dämmerstunde saß die Großmutter in ihrem weichen Sessel und um sie herum hockten die Enkelkinder. Ganz wie es früher hier in der waldeckischen Heimat Sitte war. Während die alte Frau behände strickte, erzählte sie den Kindern die alten Märchen und Sagen aus ihrer Heimat, die sie selbst als Kind gehört hatte und die Enkel hörten gespannt und aufmerksam zu. Nicht genug konnten sie von diesen Geschichten hören und bedrängen die Frau immer wieder aufs Neue Geschichten zu erzählen. Ganz, wie es die Großmutter von daheim her kannte.

Und nicht nur die Kinder hörten der alten Frau gespannt zu, auch die Schwiegertochter hielt ab und zu inne und lauschte der Worte, die ihr auch noch aus ihren Kindertagen wohl bekannt waren und die in ihren Gedanken die alte Heimat mit Bildern aus dieser Zeit wieder in Erinnerung brachten. Wird auch sie einmal ihren Enkeln diese Geschichten erzählen, wie es ihre Schwiegermutter tut?

Auch uns Kindern hat meine Mutter und meine Oma Geschichten, Märchen und Sagen erzählt. Wir saßen dabei in der Küche oder im Wohnzimmer und lauschten gespannt den Worten. Später haben meine Frau und ich diese überlieferten Geschichten und Märchen unseren Kindern erzählt. Auch diese haben aufmerksam und gebannt den Worten gelauscht und immer wieder wollten sie mehr davon hören. Wenn wir heute auf diese Stunden zu sprechen kommen, leuchten ihre Augen wieder auf und sie erinnern sich nicht nur an die alten Märchen, sondern verknüpfen dies mit Bildern und Empfindungen aus der Kindheit. Ich bin mir gewiss, dass auch meine Kinder ihren Kindern die Märchen wieder erzählen und meine Enkel ebenso gespannt und interessiert den Worten lauschen werden.

Die Faszination Märchen ist heute genau noch so wie vor hundert Jahren und davor.



Heimkehr

Eine wahre Weihnachts-Erzählung von Chr. Fleischhauer, aus dem Buch "Landauf, landab!", erschienen im Ernst Funk Nachf. Verlag, Bad Wildungen 1924

Das alte strohbedeckte Häuschen lag etwas abseits vom Wege. Hilfsbedürftig lehnte es mit seiner hinteren Seite an die Höhe, die die Berge unseres Uplandes aussenden als Übergang in das flache Land.
Alt und morsch, wie das Haus da am Wege, waren seine beiden Bewohner, der Hanjost Reider und seine Ehefrau Annemarie. Die beiden Leutchen fristeten ihr Leben von den kleinen Ersparnisses des Mannes aus seiner Bergmannszeit, vom Ertrage des kleinen Ackers hinter dem Hause und aus den geringen Zuwendungen seitens der beiden Töchter, die im "Bergischen" verheiratet waren und auch nicht im Überflusse schwammen, wenn es ihnen auch gerade nicht schlecht ging. Und der Sohn, auf den sie in früheren Jahren so große Hoffnungen gesetzt? Ja, der war ausgewandert über's Meer, hatte das Glück gesucht, aber wohl nicht gefunden. Er war ja schon lange tot. Die Nachricht von seinem Ende lag dort in der wurmstichigen Kommode.
Nach sonnigen Herbsttagen war der Vorwinter gekommen, der November mit seinem bleischweren, grauen Himmel, der aussah, als wollte er täglich gewaltige Schneemassen ausschütten über die zur Winterruhe gehende Welt. Dort oben auf dem Dommel hatte die erste Schneehaube schon gelegen. Für hier unten war es noch etwas früh. Doch auch im Tale fielen die letzten Blätter, die letzten Blumen im Gärtchen des altersschwachen Häuschens neigten die Köpfe, vom Froste geknickt. Der Winter kam.
Die alten Leutchen kümmerte das nicht. Bei ihnen war es schon lange Winter, draußen und drinnen.
Der Sturm rüttelte am Dache, daß die Moospolster herabkollerten, raste durch den Garten, fegt über die Höhen; die Wolken flogen, düster, regenschwer.
"Der wilde Jäger" sagte Hannes wichtig zu seiner Hausehre. Er kannte die Sagen der Heimat und erzählte gern von ihnen den lauschenden Kleinen, die oft vor seiner Tür saßen, und den Alten, mit denen er ab und zu unter der Dorflinde saß.
"Der wilde Jäger! Halt, Häuschen, halt aus, so lange wir noch da sind, das Annemarichen und ich. - Wenn -- dann - ja -." Mit Mühe schloß er die morsche Tür des Stalles, in dem Ziege und Schweinchen hausten und band mit einer Weidenrute die kleine Lattentür am Hausgärtchen fester. Dann trat er ins Haus, schob einen knorrigen Wurzelstock in den Kachelofen, der noch nach Sitte der guten alten Zeit von der Küche aus bedient wurde und trat in die Kleine sauber gehaltene Wohnstube.
"Was ein Wetter," knurrte der kleine, zusammengetrocknete Mann und hielt die steifen Hände an den tönernen Oberbau des Ofens.
"Schlimm für den, der da draußen wandern muß," seufzte die Frau und rückte das Spinnrad näher zum Tische.
"Das ist freilich nichts genaues, besonders nicht in unseren Bergen, wenn der wilde Jäger daherbraust und einem auch noch den Weg verlegt," meinte der Alte und entzündete mit einem Kienspan die kleine Sparöllampe, die den kleinen Raum nur notdürftig zu erhellen vermochte. Dann setzte er sich in den bequemen Lehnstuhl in der Ecke des Ofens, setzte die kleine Tonpfeife in Brand und sah dem Mütterchen zu, wie es mit fleißiger Hand den Faden zupfte und mit flinken Füßen das Rad bewegte. Tiefe Stille, außer dem Schnurren des Rades. Ein Engel ging durch die Stube.
"Konntest eigentlich mal wieder was vorlesen, Hanjost, die Abende sind so lang schon - -"
"Ja, Mutter, aber was? Aus dem Gesangbuch einen Psalm?"
"Warte einmal, Vater, krieg doch mal die "Spinnstube" vom Kammbrett, weißt du, die schönen Geschichten, die der Hansjakob - -"
"Aber die habe ich schon so viel mal gelesen."
"Das schadet nichts, die sind immer schön."
"Dann zu. Aber ich will doch die Tage mal zum Lehrer gehen, der hat vielleicht etwas für uns, Alte."
Damit zog er einen Stuhl zur Wand unter dem Kammbrette. Eben hatte er den Fuß gehoben, um hinaufzusteigen, da hielt er aufhorchend still.
"Da kommt noch jemand," sagte er verwundert. "Hörst Du nichts, Mutter, wer mag das sein?"
Das Spinnrad stand still.
"Hast recht, Vater, es sind ihrer zwei. Horch, der eine geht wieder fort, der andere kommt ins Haus."
"Muß ein Fremder sein, der sich den Weg hat zeigen lassen. Da bin ich aber neugierig."
Er öffnete zuvorkommend die Stubentür. Der matte Lichtschein der trüben Lampe fiel auf den dunklen Hausflur.
"Bin ich hier recht bei Herrn Hanjost Reider und seiner Frau Annemarie?" fragte eine tiefe Männerstimme aus dem Hintergunde.
"Wohl," antwortete Hanjost und riß die Tür auf, so weit es eben ging. "Wollen Sie nicht näher treten, Herr?"
"Ja, wenn Ihr mir ein wenig leuchten wollt, ich möchte Hals und Beine nicht gern brechen."
"Bring die Lampe, Mutter!"
"So, danke, jetzt gehts besser, gerade kein Prachtbau das!"
Und dann schob sich durch die niedere Tür eine hohe, breitschulterige Gestalt mit großem, einig gepflegtem Bart unter Hals und Kinn, wie ihn die Amerikaner zu tragen pflegen.
"Guten abend auch!
"Willkommen!" sagten die beiden Alten etwas gepreßt und drückten sich rückwärts an den Kachelofen.
"Einen Stuhl!" flüstere Hanjost seiner Frau zu und stieß sie etwas unsanft in die Seite. Annemarie ermannte sich, schoß flink auf den Stuhl zu, den ihr Mann eben hatte erklettern wollen, fegte den Sitz mit der Schürze ab und schob ihn dem Gaste hin.
"Well!" sagte der Fremde und warf sich auf das Gestühl, das in allen Fugen krachte, spuckte einmal mit Macht in die Stube, räusperte sich und begann:
"Ihr kennt mich wohl nicht?!"
Die beiden Alten starrten mit offenem Munde den seltsamen Gast an und schwiegen auf seine Frage. Schweigen ist auch eine Antwort.
"Well!" Ist auch nicht gut möglich. Ich stamme aus Warburg da drüben, bin aber jetzt in Amerika daheim, schon lange und nur auf kurze Zeit zu Besuch in der Heimat. Drüben habe ich Euren Sohn getroffen und ihm versprochen Euch zu besuchen und einen Gruß auszurichten."
Die Alten standen sprachlos, versteinert.
"Na, scheint, Ihr freut Euch nicht mal, etwas von dem Johannes zu hören!" knurrte der Amerikaner befremdet.
Da schlug Annemarie die Hände über dem Kopf zusammen.
"Das ist doch nicht möglich, Herr!"
"Was ist nicht möglich?" polterte der Fremde.
"Daß Ihr uns von dem Johannes grüßen sollt," mischte sich Hanjost jetzt ins Gespräch.
"Nicht möglich? Aber warum denn nicht, nehmt mir nicht übel, aber das versteh einer!"
"Der Johannes ist ja tot!" jammerte die Frau.

„Da soll doch!“ fuhr der Amerikaner auf und ließ die Faust schwer auf den Tisch fallen. „ Da soll doch! Tot, sagt Ihr? Tot? Seit wann denn?“

„Seit neun Jahren schon,“ stammelte die Frau und fuhr mit dem Schürzenzipfel über die Augen.

Und Hanjost war an die Schublade am Tisch geeilt, hatte sie aufgeschlossen und mit zittrigen Händen zwischen alten Papieren gesucht. Ein gelbes, vergriffenes Blatt holte er hervor und hielte es dem Fremden hin. Der hielt das Papier nah an die Lampe und las. Je weiter er die Schrift entzifferte, desto mehr Erstaunen malte sich auf seinen Zügen. Jetzt ließ er das Blatt sinken und schaute starr die beiden Alten an, die erwartungsvoll vor ihm standen und in seinen Mienen zu lesen suchten.

„Sonderbar!“ sagte der Fremde und schüttelte den Kopf. „Sonderbar. Ein Totenschein aus dem Hospitale zu Saratoga Springs, Newyork, lautend auf einen Johannes Reider aus Deutschland. Sonderbar, höchst sonderbar. Euer Sohn heißt doch Johannes?“

„Gewiß, es stimmt, wie es da steht!“

Der Amerikaner war aufgesprungen. Aufgeregt ging er durch die Stube, trommelte hastig an den beiden Fensterscheiben und warf sich endlich wieder wuchtig auf den Stuhl.

„Unsinn!“ rief er dann wütend. „Unsinn! Der Kuckuck mag daraus klug werden. Ich weiß doch, was ich weiß. Ich kenn doch Euren Sohn, den Johannes Reider“ Well! hab manchen Trunk mit ihm getan! Und von Euch hat er mir erzählt, und der Gegend hier. Well! Und vor einem Vierteljahr war er noch so wohl und munter wie wir drei, und dies hat er mir für Euch mitgegeben. Ha! Kann das auch einer, der seit neun Jahren tot ist? He, sagt?!“

Damit hatte der Aufgeregt in die Tasche geriffen und dem alten Hanjost ein Päckchen mit etwas Hartem in die Hand gedrückt.

Die alten Leutchen hatten sich an den Händen gefaßt. Sie vermochten vor innerer Bewegung kein Wort zu sprechen. Ihr Sohn sollte leben, lebte wirklich? Aufgeregt ging der Fremde noch immer in dem engen Raum auf und ab. Dann reichte er den alten Leuten die Hand zum Abschiede.

„Ich muß fort,“ sagte er, „mein Wagen wartet vor dem Wirtshause im Dorfe. Ihr werdet aber wieder von mir hören. Die Sache muß sich aufklären. Well, muß! Gebt den Wisch da einemal her. Werde ihn dem Johannes schicken. Ein guter Gedanke. Well! Und nun lebt wohl!“

Mutter Annemarie erinnerte sich ihrer Hausfrauenpflichten. Sie bot dem Fremden eine Erfrischung an. Er lehnte ab und Hanjost begleitete ihn bis zur Gartentüre.

Noch lange brannte an diesem Abende die trübe Sparöllampe im Stübchen des alten Ehepaares. Immer wieder sprachen sie von dem Fremden, von ihrem Johannes, von der merkwürdigen Nachricht, daß ihr Sohn vor einem Vierteljahr noch munter und gesund gewesen. Die „Spinnstube“ blieb auf dem Kammbrette liegen, dafür holte Hanjost die Bibel herbei und schlug sie auf.

„Lies den 23. Psalm!“ bat Annemarie.

„Ja!“ sagte der Alte einfach und setzte die Brille auf.

Und als das Licht erloschen war und die müden Augenlider der beiden Alten endlich, endlich der Schlaf küßte, betete die Mutter plötzlich laut: „Her Gott, laß uns den Johannes doch noch einmal sehen!“

„Amen!“ hatte Hanjost wie im Traum gesagt. Dann war es still geworden in dem Häuschen, das solche Aufregung seit Jahren nicht gesehen hatte.

„Ich habe geträumt,“ sagte am anderen Morgen Hanjost, „der Hannes war wirklich wieder hier - -„

„- und saß bei uns hier in der Stube, heil und gesund, so habe ich auch geträumt,“ setzte Annemarie hinzu.

Dann ging das Leben im Häuschen am Berge seinen altgewohnten Gang, den ganzen Winter hindurch.

„Die Sache muß sich aufklären,“ hatte der Amerikaner gesagt. Und die Aufklärung kam. Vom Dommel dort oben war die letzte Schneehaube geschwunden, dem lachenden Frühling zum Opfer gefallen. Die Osterglocken läuteten. Da klopfte Mr. John Werner aus Warburg an der Diemel wiederum an die Tür des altersschwachen Häusleins und saß wieder breitspurig auf dem altersschwachen Stuhle. Vor ihm standen die beiden Alten, gebeugter und runzliger als damals. Zwei Briefe hatte der Gast in der Hand. Der eine war an ihn selbst gerichtet, und die Einlage an Hanjost Reider und seine Ehefrau Annemarie. Der Amerikaner erzählte eine seltsame und doch wahre Geschichte, die sein Freund Johannes ihm mitgeteilt, nachdem er mit dem Totenschein in der Hand im Hospital zu Saratoga Springs im Staate Newyork die nötigen Nachforschungen angestellt hatte.

Dort im Krankenhause hatte er allerdings vor neun Jahren schwer krank gelegen, war aber gesundet, und wohl und munter hatte er das Hospital verlassen können. Aber ein anderer Kranker, der neben ihm an Fieber gelitten, war damals gestorben. Wie es nun geschehen, das war leider nicht mehr zu ermitteln gewesen, aber so viel war sicher, die Nummern, die zu Häuptern der Kranken angebracht gewesen, waren verwechselt worden. Und so war es gekommen, daß man in die Heimat eines Gesundeten die Bescheinigung seines Todes gesandt hatte.

„Well!“ schloß der Fremde seinen Bericht. „So liegt die Sache, merkwürdig und doch einfach. Sie mußte sich aufklären. Aber das muß ich sagen, schön war es nicht von dem Johannes, daß er all die Zeit nichts von sich hat hören lassen. Hab’s ihm unter die Nase gerieben. Will’s wieder gut machen, schreibt er mir. Kommt im Laufe des Jahres selber heraus. Doch das wird er Euch genauer in dem Briefe da selbst schreiben.“

Noch eine lange Weile blieb diesmal Mr. John bei dem Elternpaar seines Freundes. Auch verschmähter diesmal nicht, ein Täßchen Kaffee mit den beiden Alten zu trinken. Er hatte sie liebgewonnen, und sie schauten zu ihm empor, wie zu einem höheren Wesen. Sie waren ja so einfache Leute.

* * *

Dann war Mr. John wieder über das Weltmeer gereist und nach einem heißen Sommer war ein rechter Uplandwinter gekommen, kernfest und auf die Dauer. Das Häuschen am Bergeshange lag tief im Schnee vergraben. Aber die weiße Decke in dem Vorgarten war jeden Morgen fortgekehrt und Bahn gemacht bis zur Straße, die zum nahen Dorfe führte, auf der Wagen und Schlitten sich selbst Bahn schaffen mußten.

Im Häuschen selbst war manches anders geworden, freundlicher, lichter, Johannes hatte reichliche Mittel gesandt. Man hatte die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen können und auch ein Stübchen im Giebel herrichten können für einen lieben Gast.

Die trübe Sparöllampe war festlich geputzt und leuchtete ordentlich heller als im Vorjahre. Ihr Schein, der durch das Fenster über den Schnee da draußen glitt, konnte leicht Wegweiser sein für einen , der das Häuschen suchte.

Drinnen wartete man auf diesen Einen. Lange schon. Das ganze Jahr hindurch. Und heute war Weihnachtsabend. Wenn der Ersehnte wieder nicht kam in diesem Winter. – Weiß wie der Schnee dort draußen war das Haar der beiden Alten. Gebeugt vom Alter gingen sie ihrer Beschäftigung nach. Ja, wenn er nicht bald kam, der Johannes, vielleicht, daß er dann in ein leeres Häuslein kam und die Eltern ein noch kleiners bezogen hatten, in dem er sie nimmer besuchen konnte. –

Heute war Weihnachtsabend. Der Schnee knirschte unter den Füßen der Wandersleute und pfiff unter den Rädern der Fuhrwerke. Ein rechtes Weihnachtswetter!

„Willst Du nicht in die Christmette gehen, Hanjost?“ fragte die Mutter.

„Wir gingen früher immer zusammen, willst Du den nicht mit?“ war die Gegenfrage.

„Diesmal nicht, Vater. Der Johannes könnte kommen, und dann käme er vor ein verschossenes Haus und in eine kalte Stube.“

Der Alte lächelte trübe. Seine Hoffnung war gering, man konnte es ihm ansehen.

„Allein mag ich auch nicht!“

„Es ist besser, Du bleibst. Bei der Kälte und dem Schnee könnte Dir leicht etwas passieren, wir sind nicht mehr jung!“

„Freilich nicht. Und wenn er nicht bald kommt - “

Vater Hanjost war an das Fenster getreten und schaute hinaus auf den glitzernden Schnee.

„Wie lange wartest Du nun schon,“ sprach er leise, wie zu sich selbst, von dorther. „Den Sommer durch, den Herbst und nun ist der Winter da - -“

„Und Du hast nicht gewartet? - - “

„Wohl, - das habe ich – aber bald warte ich nicht mehr!“

„Lies uns die Weihnachtsgeschichte, Vater!“

„Wohl!“ Er holte die Brille aus der Schublade. Da hob Frau Annemarie die Hand.

„Pst! Da kommt wer. Hörst Du nicht?“

„Ja, doch, der Briefbote vielleicht.“

„Der ist’s nicht!“

Draußen trat jemand fest mit den Fußspitzen vor die Steine der Treppe, den Schnee von den Füßen zu fegen.

„Das ist wirklich der Briefbote nicht,“ sagte Hanjost. Seine Stimme zitterte merklich.

„Mach die Tür auf, Mann!“

Hanjost kam nicht dazu. Schon wurde die Tür aufgerissen von einem, der von draußen kam und der mehr Bescheid wußte in dem altersschwachen, strohgedeckten Häuschen, als Mr. John aus Warburg an der Diemel.

In der Tür stand ein großer, starker Mann, der die Arme ausstreckte mit den Worten:

„Vater! Mutter!“

„Johannes, unser Johannes!“

Dann war es still in dem Stübchen.

Drunten im Dorfe aber läuteten die Glocken zur Christmette.



Hol über!


Hol über! Hol über!
Aus vollem Munde tönte der Ruf über den leise rauschenden Fluß. Aber keine Antwort vom linken Ufer. Alles still. Hol über! klangs noch lauter und ungeduldiger, und ein heller durchdringender Pfiff auf dem gekrümmten Finger gab dem Anrufe weiteren Nachdruck. Alles ruhig.
„Daß dich“ - - knurrte der Mann am Ufer und trammpelte mit den Füßen; denn der Morgenwind pfiff kältend über das Wasser und die Erde war hart vom Frost.
„So ein Fährmann! Liegt sicher noch in den Federn, hört einen wohl, aber rührt sich nicht“. Hannes war Handelsmann. Irdenes Geschirr, im Haushalte des Landmannes sehr gesucht, lag bei ihm auf Lager, ging mit ihm in der Kötze auf die Dörfer. Heute war es freilich anders. Ein Esel, grau wie alle Esel, aber dürr wie eine ausgenommene Ziege, trug die Töpfe in zwei Tragkörben, von denen je einer an einer Seite des mageren Tieres herabhing. Hannes streichelte das magere Tier, um dessen Schatten es kaum einen Prozeß gegeben hätte, das aber dem Herrn ebensowenig Wärme geben konnte. Frierend stand das Tier am zugigen Wasser. Sein Kopf hing traurig zur Erde, mißmutig schnupperte es umher. Vielleicht, daß hier im Sommer eine Distel gestanden hatte.
H - o - l - - - ü - b - e - r!
„Da kann man sich die Lunge aus dem Halse schreien, Lora“, sagte der starke Hannes und schlug mit der flachen Hand das Tier auf den mageren Hals. Liebkosungen war das Tier nicht gewohnt. Mürrisch schlug Lora mit einem Hinterfuße aus, gleichsam als Quittung für die Zärtlichkeit des Herrn.
„Hol über!“
„J - a!“ Lora hatte den Kopf über des Herrn Schulter gelegt und rief mit. Hannes hatte einen guten Kauf gemacht. Lora war offenbar nicht so dumm wie andere Esel. Und daß man auf einen Esel oft eher hört als auf einen an sich anständigen Menschen, dafür hier der schlagendste Beweiß.
Das langgedehnte J - a des Grauen war kaum in der frischen Morgenluft verklungen, und Hannes hatte sich noch nicht vollständig vom Erstaunen über die Anpassungsfähigkeit seines Gefährten erholt, da tönt drüben ein Pfiff.
“Aha! Endlich!“ Hannes nickte. Lore bewegte zum ersten Male die Quaste an der Verlängerung des Rückgrates.
Dann nahte langsam die Gestalt des Fährmanns vom Dorfe her. Die Kette rasselte vom Pfahle in der Kahn. Lui rückte das Primchen in die richtige Backenecke, griff zur zähen Stange, schob bedächtig sein Schifflein zum Ufer hinüber und knirschend fuhr dessen Spitze endlich in den Sand des Ufers.
„Gu’n Morgen!“ - „ „Gu’n Morgen, Hannes, ach du best’s, komest doch sest alleine, ech hätte dech bahle net erkannt. Den Hangel vergressert? Sent wanne host du dann die Kötze on den Krappen gehonken un futterst en Esel?“
Hannes und Lui waren alte Bekannte, gute Freunde. Aber heute morgen hatte Freund Hannes wenig Lust, ein Gevatterngespräch zu halten. Ihn fror an die Füße und über das lange Warten war er verärgert.
Anzüglich sagt er: „Jo, den Hangel vergressert. Wenn ech so lange schlief wie du, wer dos natierlech net meggelech. So lichte wie du verdinnt insereins sin Brot net.“
„Jeder off sinne Ort“! lachte der Fährmann, „awer stigg in! „Was kostet’s!“
„10 Heller fer de Person!“ sagte verwundert der Fährmann, „dos weißt de doch lange, eigentlech meßte ech meh nähmen, ‘s Wasser es groß. Awer bie de mache ech immer ‚ne Usnahme, weißte.“
„Gudd, und der Esel?“
„Gelt als Person.“
„Wos?“ 10 Pennege fer den Esel! Do kann he doch liwer hinger den Scheffe her derch’s Wasser marschieren.“
Der Fährmann zuckte mit den Schultern und griff zur Stange.
„Es es kalt un din Esel dos Wasser net gewunnt,“ sagte er warnend.
„Daß es kahlt es, hon ech bie’n Worten geschpiert,“ sagte boshaft der Hannes, sprang ins Schiff und zog den Grauen am Riemen heran. Die Körbe mit irdener Ware hatte er vorher im Schiffe verstaut. Was die an Fracht kosteten, frug er nicht. Das Schiff stieß vom Ufer. Langsam folgt der Esel. Bis seine Hufe ins kalte Wasser traten. Da war die Gemütlichkeit zu Ende. Weit streckte der Graue seine Vorderbeine von sich, nahm so festen Stand und stand fest, fest wie Ziegenhain!
Der Fährmann lachte innerlich. Hannes lockte, tobte und strafte. Der Esel behielt Stellung und das Schiff kam nicht einen Zoll breit vom Fleck.
Der Stock sauste auf den mageren Rücken des Grauen. Vergebens.
„Na, dos paßt me schlächt,“ sproch der Fährmann, „do hon ech keine Zitt, dressier din’n Esel verher. Ech steche das Scheff zerecke un du nemmest den Esel renn, ech sahd’s verher!“
„Un du fehrste’en immesest?“
„Ech wär en Narre!“
„Wos? 10 Heller fer den Esel? Wenn’s Wasser net so tief wär, ech rett’en newer.“
„Mech dinket, der lisse sech raiiten, kanst du schwemmen?“
Da streckte der starke Hannes seine starken Arme aus und schrie ingimmig: „Wos gelts, ech nehme dos Biest of den Scholler, wos gelt dann de Fahrt, fer wievell Personen?“
„Fer eine!“
Hannes stieg aus, führte das Langohr ans Ufer. Streichelte. Und plötzlich, ehe das renitende Tier sichs versah, stand es, an den Vorderbeinen gehoben, auf der Hinterhand. Rasch drehte sich Hannes auf der eigenen Achse, zog die Vorderbeine des Esels über die Schultern und zog das strampelnde Vieh zum Schiffe. Mit Mühe gelangte er an Bord.
Langsam setzte der Schiffsmann sein Gefährt in Bewegung, langsam, langsam steuerte er zum anderen Ufer. Der Schweiß lief dem Hannes über die Stirn. Seine Waden litten Pein unter dem Strampeln des Grauen. Aber der war fest auf den Schultern gehalten.
J - a! gellte es neben dem Ohr des Händlers.
Der Schiffsmann lachte: „Der Dampfer meldet die Ankunft.“ Er sprang ans Ufer, schlang die Kette um den Pfahl und half dem stöhnenden Fahrgast mit seiner Last ans Ufer.
Dann belud der Hannes seinen Gefährten mit der zerbrechlichen Ware, zog den Beutel und suchte einen glänzenden Nickel. Und wie er die Stirne mit dem blaukarrierten Sacktuch trocknete, stöhnte er laut: „Nie wieder trägt für einen Nickel ein Esel den anderen!“

(Text in Form und Rechtschreibung seiner Zeit)


Landauf, landab
Geschichte und Geschichten aus dem Waldecker Land
von Christian Fleischhauer
Bad Wildungen, Verlag Ernst Funk Nachf., 1924


Kötze - Rückentragekorb (kennt man auch von den Geschichten um den „Osterhasen“)


Übersetzung des Textes



Aus Kriegstagen in Waldeck

Auch in Waldeck waren die Auswirkungen des 2. Weltkrieges zu spüren. Nicht nur durch die Not in der Versorgung der Bevölkerung und durch die Einziehung der Männer in die Wehrmacht. In 1943 wurde nicht nur die Edertalsperre durch speziell entwickelte Bomben zerstört, sondern auch die nahe Stadt Kassel mit seiner Kriegsindustrie wurde, nachdem die Auswirkung der Flutwelle durch die Bombadierung der Edertalsperre nicht die gewünschte Wirkung in Kassel gezeigt hatte, die Stadt in Schutt und Asche gebombt.

Die Folge davon war, dass ein Teil der Kriegsproduktion von Kassel in die Mauser Werke nach Waldeck verlegt wurde. Die Büromöbelfirma musste den Großteil der Produktionshallen räumen und die Verwaltung von Mauser zog nach Bad Wildungen. Das Mauserwerk in Waldeck bekam einen Tarnanstrich. In der Kriegsproduktion wurden aufgrund der fehlenden Arbeitskräfte auch Kriegsgefangene eingesetzt. Zur Unterbringung der Kriegsgefangenen baute man in Waldeck Baracken auf, in denen Russen, Polen, Italiener und auch Niederländer untergebracht wurden.

Einer von den Niederländischen Zwangsarbeitern war Arie Tuit aus der Nähe von Rotterdam. Er war mit 17 Jahren zusammen mit einem zweiten Niederländer in seinem Alter in Kriegsgefangenschaft genommen und nach Waldeck zum Arbeitseinsatz gebracht worden. Die Baracke in der die beiden untergebracht waren stand im Böhnerweg in Waldeck und wurde nach Kriegsende bis Anfang der 70er Jahre noch als Wohngebäude genutzt.

Emma Deichmann, die auch Kinder in dem Alter der Niederländer Jungs hatte, nahm sich der beiden an. Oft aßen sie mit am Tisch der Familie Deichmann, bekamen ihre Wäsche gewaschen und geflickt. Im Laufe der Zeit waren die beiden wie Familienmitglieder geworden. Sie nannten Emma Deichmann liebevoll "Mutter". Nach Ende des Krieges gingen die beiden niederländischen Jungen wieder in die Heimat. Lange Jahre hörte man gegenseitig nichts von einander. Bis Anfang der 1970er Jahre die beiden mit ihren Familien vor der Tür von Emma Deichmann standen. Man kann sich vorstellen, wie erstaunt Emma und Konrad Deichmann waren, als sie die niederländischen "Jungen" wieder sahen. Man hatte sich viel zu erzählen und von da an kam Arie Tuit mit seiner Familie viele Jahre nach Waldeck um sich mit Emma, Konrad und den Deichmännischen Kindern zu treffen.


Kriegsgefangenenbaracke in Waldeck

Verfasser: Helge Franz, Waldeck



Spuk

Eine wahre Heimatgeschichte

Alte Waldecker erinnern sich noch der Zeit in Mitte des vorigen Jahrunderts (1801-1900), da das Stammschloß an der Eder als Strafanstalt diente und ein Wachkommando unseres Waldeckischen Bataillons jeweilig dorthin beordert wurde, um die Bewachung der Gefangenen zu übernehmen.

1853! eine unfreundliche, nebelige Novembernacht. In dem tiefen Torbogen, der auf den inneren Schloßhof führt, der nach außen, nach dem Zwinger hin, durch das jetzt ständig offen stehende, damals stets verschossen gehaltene Tor abgesperrt war, ging die Schildwache, das Gewehr im Arm, langsam auf und ab.

Er war eben vor einer Weile erst auf Wache gezogen, der Hannfrieder aus dem Uplande; noch nicht lange hatte es Mitternacht geschlagen drüben in der Stadt. - Br! Das zog und pfiff nicht schlecht in dem langen Tonnengewölbe und durch die Risse und Sprünge des eichenen Tores. Langsam stieg der Soldat die Rampe hinauf zu Schilderhause, das heute noch auf dem Platze von damals steht. Hier hatte er Aussicht auf den Schloßhof und zugleich etwas Schutz gegen Kälte und Nebel. Im Zwielicht lag der Hauptbau des Schlosses zur Linken. Geradeaus wuchs der Bergfried aus dem Felsen empor. Rechts verlor sich der Uhrturm mit seiner Spitze in den Novemberdunst. Alles still! In stiller Ruhe lagen die Gefangenen nach des Tages Arbeit, im Schlafe lagen auch die übrigen Bewohner der Burg. Nur aus dem Wachlokal links kam Leben, Lachen, Pochen – Kartenspiel.

Vom Bergfried strich eine Eule in geräuschlosem Fluge mit schrillem Schrei zu ihrem Jagdrevier, der Scheune auf der Zinne der Mauer. Von der Kanzel *) herüber kam der Ruf des Uhus. Sonst alles still. Der Hannfrieder wickelte sich fester in seinen Mantel und dachte an seine Karline im Uplande **).

Da wird es lebendig in der Ecke, wo der Bergfried an den Hauptbau stößt und der Gefangenenaufseher seine recht bescheidene Wohnung hatte, - Wahrhaftig, da kam etwas! Da schlich etwas an der Wand des möchtigen Turmes hin, wandte sich hin und her und jetz gar dem weiten Hofe zu. Hannfrieder spannte Augen und Ohren. Er war keine Bangebüchse. Aber doch! Die Nacht ist keines Menschen Freund. Eine kleine Gänsehaut lief dem Upländer doch über den breiten Rücken und er faßte das Gewehr fester. Ja, wenn da etwas von Fleich und Blute wäre und er's in seine Fäußte bekäme! Aber. Es spukte ja hier oben. Hannfrieder erinnerte sich plötzlich lebhaft der Geschichten, die der Gefangenenwärter erzählte, wenn er und seine Kameraden in dessen enger Stube bei Hering und Dünnbier gesessen, der Geschichten von den Hexen, die im Hexenspunde geschmachtet, die unschuldig hingemordet waren , und deren Geister keine Ruhe fanden. Da! Das Ding dort kam näher, still, lautlos, geisterhaft. Sollte das? Der Soldat hob das Gewehr. Immer näher kam das Ding. Wie ein vorweltlich Ungetüm stieg es höher und wuchs im Nebeldunste. Jetzt neigt es den gewaltigen Kopf zur Erde, als wenn es ansetze zu gewaltigem Sprunge. - Jetzt warf es den Kopf hoch, jetzt – ein Satz - -

„Et geit ume's Läwen!“ stöhnte Hannfrieder und schiebt das Gewehr, die schwere Minièbüchse, an den Backen.

„Ha – ha – halt! Wer da!“ Keine Antwort. Näher kommt der Spuk.

„Ha – halt! Wer da!“ Keine Antwort. Ein Sprung!

Da kracht der Schuß und weckt das Echo des weiten Hofes, der starrenden Mauern, der Ederberge und weckt die Bewohner der Burg. Der Spuk war mit gräßlichem „Bäh!“ im Feuer zusammengebrochen. Hannfrieder schoß gut. Da ward auch schon die Tür zur Wachstube aufgerissen, Fenster öffneten sich, Fragen schwirrten. Und da stand bald alles, der Unteroffizier der Wache mit seinen Getreuen, die freien Bewohner der Burg, auf dem Platze, wo eben der Spuk sein Unwesen getrieben. Schweigen. Lachen!

„Ein Blattschuß!“ sagte der Kommandoführer und klopfte dem aufgeregten Hannfrieder beruhigend auf die Schulter. „Ein Blattschuß! Nur bei einem feisten Rehbocke besser angebracht, als bei des Gefangenenwärters – mageren Ziege.“

Aus: Landauf, landab – Geschichte und Geschichten aus dem Waldecker Land, von Christian Fleischhauer

*) Berghöhe über dem Edertal; **) MittelGebirgsformation im Auslauf des Sauerlandes



Weihnachten in der Fremde.

Ein Waldecker, welcher als Freiwilliger beim 30. Regiment, das zum Armeekorps des Generals von Werder gehörte, den Krieg gegen Frankreich mitmachte, schrieb am 25. Dezember 1870 nachfolgenden Brief an seine Eltern.

Ihr Lieben, Lieben in der Ferne!

Heute ist erster Weihnachtstag, und ich sitze hier in Montigny le Roi, wo wir gestern eingerückt sind. Es ist das erste Weihnachtsfest, welches ich nicht zu Hause verlebe, hoffentlich, vorerst wenigstens, das letzte! Vorgestern hatten wir mit Scharen von Mobilgarden ein Scharmützel; die folgende Nachte mußte ich auf Vorposten, was bei der jetzt hier herrschenden großen Kälte nicht gerade zu den Annehmlichkeiten gehört.

Wie oft ich gestern Abend an Euch Lieben gedacht, werdet Ihr wohl ermessen können; richtiger gesagt meine Gedanken waren immer bei Euch. Im Geiste sah ich Euch zwischen 5 und 6 Uhr mit den Geschwistern um den brennenden Christbaum stehen und dann gemütlich zusammen sitzen. Sicher ist bei den Gesprächen Eures fernen Kindes in Liebe oft gedacht.

Doch auch ich habe Weihnachtsabend gefeirt und sogar einen Christbaum gehabt. Nach einem anstrengenden Marsche kamen wir recht ermüdet hier an. Das hielt mich aber nicht ab, mit meinen drei Quartierkameraden noch in den nahen Wald zu gehen und, ohne den Förster um Erlaubnis zu fragen, einen Tannenbaum zu holen; für Geld und gute Wore erhielten wir einige Wachskerzen und etwas Zuckerwerk, schmückten den Baum und zündeten die Lichter gegen 8 Uhr an. Ich glaube, noch nie hat ein Christbaum mir solche Freude gemacht. Unsere Hausleute, die wir herbeiriefen, als der Baum brannte, sperrten Mund und Augen auf. Hier kennt man die schöne Sitte mit den Christbäumen nicht! Nun kamen auch noch Eure Pakete mit den Zigarren, dem Tabak und den Handschuhen an. Habt herzlichsten Dank! Die Freude wäre vollständig gewesen, wenn auch Briefe, die Ihr sicher abgeschickt habt, gekommen wären! Hoffentlich kommen sie recht bald!

Nach einem sehr einfachen Abendessen, bei dem der Hunger der beste Koch war, erfreute uns noch ein Glas sauren Weines, wenn bei solchem Zeuge von Freude die Rede sein kann.


Wald. Sonntagsbote 1890

Aus: Waldeckisches Heimatsbuch, Teil 1 Geschichte; von Chr. Fleischhauer, Verlag Chr. Hundt, Bad Wildungen 1906.



Tante Hermine aus Remscheid

Große Aufregung bei uns Kindern – Tante Hermine aus Remscheid kommt zu Besuch. Es war immer etwas Besonderes, wenn Tante Hermine kam. Sie bezog im Vorderhaus (Brunnenstraße 10) die Schlafkammer im Obergeschoss, die vor der Wohnung von Familie Schilling auf der anderen Seite des Flures lag.

Wenn Tante Hermine da war, war alles anders. Bei Oma und Opa saß eine weitere Person am Tisch und die Gespräche liefen ganz anders und wir Kinder bekamen eine Tafel Schokolade – das war auch etwas Besonderes in den 1960er Jahren und für mich als Fan allen Süßen mit das Wichtigste.

Tante Hermine war eine große Frau, die Haare zu einem Dutt gebunden und sie trug eine Brille mit starken Gläsern. Aus Sicht von uns Kindern war sie u-u-uralt und wie uns unser Vater erzählte war er als Kind zu Besuch bei Tante Hermine in Remscheid. Dann musste sie uralt sein; und in der Tat, wie wir später mal erfuhren war sie über 90 als sie das letzte Mal zu Besuch kam. Was wir auch erst später erfuhren, war Tante Hermine keine „richtige“ Tante von uns. Sie war irgendwann vor dem Krieg in Bad Wildungen zur Kur und meine Großeltern lernten Sie, wahrscheinlich als Kundin des Gemischtwarenladens, die meine Großeltern in der Brunnenstraße 10 betrieben, kennen. Man freundete sich an und irgendwann verweilte Tante Hermine bei ihren Kuraufenthalten nicht mehr in einer Pension sondern in dem Zimmer im Obergeschoss bei meinen Großeltern. Als mein Vater zwischen 12 und 14 Jahre alt war, fuhr er in den Ferien auch einmal zu Tante Hermine. Von dort stammte auch der Briefbeschwerer mit dem Motiv der Remscheider Eisenbahnbrücke, den er bis zuletzt in Ehren hielt und der immer auf seinem Schreibtisch lag. Heute verwahre ich das Andenken an Tante Hermine aus Remscheid.



Nachkriegszeit 1945 in Bad Wildungen
(Ein Wildunger berichtet aus seiner Jugendzeit)

Am 30. März 1945 rückten die Amerikaner in Bad Wildungen ein. Wir Kinder hatten von der Hinterstraße aus beobachtet wie die Panzer von Hundsdorf kommend durch das Feld in Richtung Braunauer Warte rollten. Als wir nichts mehr beobachten konnten ging ich nach Hause und fand alle in Aufregung. Meine damals 9-jährige Cousine war verschwunden. Ich ging in Richtung Kaiserlinde, Bahnhofstraße um sie zu suchen. Plötzlich kam ein Deutscher Wehrmachts-LKW aus der Stadt und fuhr in Richtung Wega. Kurz nachdem dieser die durch Bäume geschützte Bahnhofstraße verlassen hatte und sich auf der Wegaer-Landstraße befand, etwa in Höhe vom heutigen Autohaus Marc fielen Schüsse und der LKW wurde getroffen. Ich lief schnell nach Hause und fand meine Cousine wohlbehalten dort vor. Ängstlich warteten wir im Haus auf die Dinge die jetzt kommen würden. Kurze Zeit später kamen die Amerikaner. Vorweg ein Jeep, auf der Motorhaube der verwundete deutsche LKW-Fahrer, die anderen Soldaten waren gefangen genommen worden, und auf dem Beifahrersitz der Bahnhofswirt Karl Rohde. Die Fahrt ging zum Rathaus, in dem Fritz Rothauge die Stadt den Amerikanern übergab. Soweit etwas von dem Einzug der Amerikanern.

Dann kamen die Befehle der Besatzungsmacht. Ausgangssperre für die Bevölkerung. Nur morgens und am Abend durfte man für eine Stunde zu Erledigung wichtiger Arbeiten und Aufgaben, wie Einkäufe etc. auf die Straße. Alle Waffen (Schuss- Hieb- und Stichwaffen) mussten abgeliefert werden, darunter manches altes Erinnerungsstück. Häuser wurden beschlagnahmt und mussten von der Zivilbevölkerung geräumt werden. An allen möglichen Stellen wurden Baracken und Zelte für Amerikanische Soldaten aufgestellt. Auch einige Lazarette mussten geräumt werden. Die Verwundeten wurden z.B in die Breiter-Hagen-Schule verlegt. Um die Lazarette wurden Stachel-drahtzäune errichtet und viele Wachposten aufgestellt. In das Cafe Schwarze kam das Hauptquartier der Amerikaner.

Die Bevölkerung wurde registriert, man durfte sich nicht vom Wohnort entfernen ohne einen Passierschein zu beantragen. Es wurden neue Lebensmittelmarken ausgegeben. Soweit man noch Arbeit hatte ging man morgens in der Ausgehzeit los und beendete die Arbeit am Abend so, dass man noch während der Ausgehzeit nach Hause kam. Diejenigen, die keine Arbeit hatten, mussten sich täglich auf dem Arbeitsamt im Rathaus melden und wurden, soweit Arbeit vorhanden war, damit beauftragt.

Viele, so auch ich, wurden zu den Amerikanern befohlen. Wir mussten z.B. das Badehotel und später den Fürstenhof für Amerikaner in Ordnung bringen. Umrüsten von Lazarett auf Quartiere für Offiziere. Danach wurde ich zur Fahrbereitschaft befohlen. (Einige PKW und LKW waren da zusammengezogen und dienten in Ausnahmefällen mit Fahrer und Beifahrer der Zivilbevölkerung.)

Das dauerte so lange bis wir bei der Hauptverwaltung der Firma Mauser 1), die im ehemaligen Landratsamt war, wieder Arbeiten konnten. Die Zeit dauerte nicht lange und wir (die Firma Mauser) mussten umziehen in die Berufsschule. Das ehemalige Landratsamt war auch noch durch die Amerikaner beschlagnahmt worden.

Zwischendurch eine große Freude für die Bevölkerung. Auf die Lebensmittelmarken wurde pro Kopf ein Kilo Butter (Fassbutter) ausgegeben. Eine Menge die man sich nach den langen Jahren der Entbehrung gar nicht mehr vorstellen konnte.

Die Bestimmungen über die Ausgangszeiten wurden mehr und mehr gelockert, bis sie endlich ganz aufgehoben wurde. Nach und nach kam wieder ein geregelter Alltag. Die Hauptverwaltung von Mauser wurde wieder nach Köln verlegt und wir hiesigen Mauser-Mitarbeiter und Lehrlinge wurden in das Werk Waldeck versetzt. Auf uns kam eine enorme Belastung in Form der Bahnfahrt zu. Die Züge total überfüllt und von Pünktlichkeit konnte keine Rede sein. Morgens ging das noch, weil der Zug in Wabern eingesetzt wurde. Am Abend aber waren drei Stunden Verspätung keine Seltenheit. Wir erkundigten uns am Bahnhof in Waldeck wo der Zug derzeit sei und wenn der Zug noch nicht einmal in Korbach war, gingen wir zu Fuß über die Gleise los bis Buhlen. Dort die nächste Frage an den Bahnbeamten „Wo ist der Zug jetzt?“, und vielfach wieder noch nichts vom Zug in Korbach bekannt. Dann ging es weiter nach Bergheim. War auch hier noch keine Aussicht auf Beförderung mit der Bahn, dann gingen wir nach Anraff und von dort den Berg hoch nach Wildungen. Diese Prozedur kam nicht selten vor.

1946 kamen die ersten Flüchtlinge aus dem Osten. Auch für diese armen Leute musste noch Wohnraum besorgt werden. Wieder hieß es Zusammenrücken. Die Besatzungsmacht wurde nach und nach verkleinert bis 1956 der Fürstenhof als letztes Gebäude freigegeben wurde. Langsam aber stetig besserte sich alles.

Als dann die Währungsreform 1948 kam konnte man auch alles, zumindest theoretisch, wieder kaufen. Nur da fehlte es dann an Geld. Aber die Leute waren nicht anspruchsvoll und mit jeder DM die in den Lohntüten war wurden mehr und mehr langgehegte Wünsche erfüllt. Und so kam dann der große Aufschwung. Die Wünsche wurden immer größer, das Geld saß lockerer, man bekam ja auf der Bank auch Kredite. Manch einer hat sich so wieder in ein neues Elend herein geritten.

(Erzählt von Kurt Franz, geb. 04.04.1930 in Bad Wildungen)

1) die Firma Mauser produzierte zu der Zeit im Werk Waldeck (das Werk Korbach wurde erst in den 1950er Jahren gebaut) Büromöbel aus Stahl, Lagereinrichtungen, landwirtschaftliche Dinge (Futterdämpfer, Fässer usw.) sowie einige Haushaltsgegenstände wie Eimer, Einkocher, Wärmflaschen u. dergl. mehr.



Die Reichs-Kristallnacht (Nacht vom 9. zum 10. Nov. 1938) in Bad Wildungen

Wir können keine Schulerinnerungen schreiben ohne auch auf einen dunklen Punkt während unserer Schulzeit hinzuweisen. Ich finde das sind wir auch unseren in etwa gleichaltrigen jüdischen Mitbürgern schuldig und da denke ich vor allen an „Ilse Katz“ die im 1. Schuljahr mit in der Mädchenklasse unseres Jahrgangs war.

Am Morgen des 10. November 1938 saßen wir zu Hause am Kaffeetisch, als aus dem Radio die Nachricht kam, was in der vergangenen Nacht vor sich gegangen war. Meine Eltern waren wie vom Donner gerührt, denn wir hatten von dem Ganzen nichts mitbekommen. Wir wohnten damals in der Waldschmidtstraße im Haus Asch und waren da vom Geschehen - wie man sagt - etwas weit ab vom Schuss.

Nach dem Frühstück begab ich mich auf den Weg zur Schule. Am Himmelstreppchen traf ich mich, wie fast immer, mit Rolf Schneider, der in Bubenhausen wohnte und Willi Wilhelmi von der Itzel. Unser Schulweg führte durch den Dürren Hagen, also direkt an der Synagoge vorbei. Die Synagoge brannte noch und im Raum neben der Eingangtür waren einige Frauen oder Mädchen, die Gläser mit Eingekochten an die Wand warfen und dabei die damaligen Parolen, wie Judenschweine etc., riefen.

Nach der Schule führte mein Weg durch die Stadt, denn ich musste zu meinen Großeltern in der Hinterstraße. Auf dem Marktplatz an der Wand zum Rathaus standen einige jüdische Männer, scheinbar zum Abtransport dorthin getrieben. Dieses grauenhafte Bild von Misshandelten werde ich nie vergessen. Nur zum Beispiel , einem Mann von „Hammerschlags“, ich glaube er hieß Hermann, hing das halbe Ohr herunter. Die Schaufensterscheiben der Judengeschäfte waren eingeschlagen und der Inhalt der Geschäfte war auf die Straße geworfen.

Neben dem Haus meiner Großeltern in der Hinterstraße war das Haus von Salomon Katz und seiner Frau Selma, in dem auch Jakob Katz mit Frau und seinen Kindern Ilse und Walter wohnten. Eben diese Ilse, die auch, wie ich, im Jahr 1930 am 31.01. geboren war und Mitschülerin der Mädchenklasse war, bis die damaligen Machthaber den jüdischen Kindern den Schulbesuch verboten hatten. Ein paar Tage zuvor hatte ich mit Ilse und ihrem Bruder Walter noch zusammen gespielt, wenn auch auf Geheiß von Eltern und Großeltern nur in dem nicht einsehbaren Hof der Familie Katz.

Als ich in der Hinterstraße beim Haus meiner Großeltern ankam, hatte ich den Eindruck, dass das Haus Katz leer war aber es schien nicht verwüstet zu sein. Es war ein seltsames Gefühl. Ob von der Familie Katz jemand darin anwesend war und wie lange entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe nie mehr ein Familienmitglied Katz gesehen. Zu welchem Zeitpunkt die Familie nach Kassel transportiert wurde ist mir ebenfalls unbekannt.

Für uns Kinder geriet dies zunächst in Vergessenheit. Es war Krieg und die Väter, Onkel und zum Teil die Brüder mussten an die Front. In der Schule und der HJ wurden uns so viele Ideale vorgegaukelt und mal ganz ehrlich gesagt, wer glaubt das uns Vorgegaukelte von der Herrenrasse, dem Sieg usw. nicht? Einer unserer Lehrer war ganz groß darin.

Kurt Franz, im August 1996



Über Feierabend
Ein Bild aus dem früheren Sperrengebiet.

Durch das Ederdorf klang das Dengeln der Sensen. Von den Wiesen herüber kam der würzige Duft des gemähten Heus. Vom Turme herab verklang der letzte Ton der Abendglocke. Auf der Holzbank vor dem Häuschen nahe der Eder saß ein Alter. Er hielt die zerwetterte Mütze vors Gesicht,
versunken ins Abendgebet. Nach dem letzten Glockenklang stülpte der Alte die Mütze aufs kahle Haupt und ein verwittert Gesicht kam zum Vorschein. Es war von Runzeln bedeckt; aber um die dünnen Lippen spielte ein Zug von lichtem Humor. Der Alte, den die Kinder alle Onkel Wellem, die Großen Hamms Wellem nannten, zog seine Maserpfeife aus dem zerschlissenen Kamisol, klopfte den Kopf am Rande der Bank aus, stopfte, schlug Feuer, legte den glimmenden Zunder auf den Tuwak, zog und sog, bis leichte Rauchwolken sich ringelten. Dann legte er sich an die Wand des Häuschens. Behaglich schaute er hinein in den dämmernden Abend, über Wiesen und fluss und ragende Berge. Dann haftete der Blick auf dem Schwiegersohn, der einige Schritt von ihm die Sense dengelte und eben mit dem harten Daumen die Schärfe probierte, befriedigt nickte und die nun in Ordnung gebrachte Sense an den Holzhaken neben der Tür hing. Aus dem Hause war ein alt Weiblein getreten, hatte den Platz neben dem Alten säuberlich mit der Schürze abgewischt und sich niedergesetzt. In die niedere Tür trat die Tochter des Hauses, ein Kleines auf dem Arm, ein Größeres an der Hand. eine Drossel schlug. Feierabend. Der Pfad zwischen den Hecken vom Fluss herauf kam langsam ein junger Bursche, lehnte sich an den Türpfosten und blickte fragend um sich.
„Die Sophie ist noch in der Küche beschäftigt,“ sagte die junge Frau in der Tür, die den Blick aufgefangen. Der Alte sagte zu dem Neuangekommenen: „Du, Johannes, reich mir mal die Sense da vom Nagel.“ Liebevoll fuhr er über die glänzende Klinge, fuhr prüfend über die haarscharfe Schneide und nickte: „Die schafft's!“ Dann wandte er sich zu dem Mütterchen an seiner Seite: “Du, weißt du, was ich noch einmal möchte, Alte?“
„Nanu, das wäre?“
„Ach, noch einmal mähen möcht ich, mit den Jungen da in (um) die Wette, die sollten etwas erleben.“
„Dass glaub' ich wohl, aber du hast genug getan, Alter.“
„Ja,“ mischte sich der Schwiegersohn in das Gespräch, „der Vater war eibn Mäher, wie er im Buche steht, gelle.“
„Will's meinen,“ schmunzelte der Alte, „nahms mit jedem auf, selbst mit dem …
„Alter!“ fuhr das Mütterchen auf, „Alter, lass das!“ Und sie hielt ihm die Hand vor den Mund. Der Alte schob die schwache Hand leicht beiseite und lachte.
Aber der Besuch war neugierig geworden. Er rückte von dem Türpfosten etwas vor und sagte: „Selbst mit dem … mit wem nähmt ihr's noch auf?“
„Selbst mit dem Teufel!“ platzte Onkel Wellem heraus und ein feines Lächeln spielte um die welken Lippen.
Der Bursche war doch etwas zurückgefahren. Er stotterte: „Mit dem Teufel?“ Habt ihr mit dem Teufel gemäht?“
„Um die Wette, und habe die Wette gewonnen.“
„Erzählt!“
„Warum nicht?“ schmunzelte der Alte und setzte sich zurecht. Die Übrigen rückten näher heran. Und Onkel Wellem erzählte: „Ihr kennt ja alle die Ecke dort unten zwischen der Hünzeln- und der Jungfernburg, wo das Echo dreifach den Ruf zurückgibt. Wie manchmal habe ich da gestanden und gerufen, wenn ich im Mähen innehielt und die Sense strich! So wars wieder einmal. Ein taufrischer Sommermorgen. Ich war allein da draußen. Was rief man damals nicht alles in den Wald. Schönes und Hässliches. Und alles gab er getreu wieder zurück. Ich weiß nicht, wie mir diesmal das Wort auf die Zunge kam: „Sackerlot!“ rief ich in die Schlucht hinein. …
„Das war ein Fluch,“ stammelte die Alte und legte ihre Hand auf den Arm des Erzählers.
„Wohl,“ fuhr dieser fort, „wohl, aber wenns auch ein Fluch war, er kam dreimal zurück. Und „Sackerlöter!“ rief ich noch lauter. Das Echo war in den Bergen noch nicht verklungen, da raschelte es neben mir im Bursche, und da stand er …
„Wer?“ frug der Bursche am Türpfosten, und er fasste die Hand des jungen Mädchens, das leise zu ihm getreten war, fester, neigte sich hin zum Erzähler.
„ Wer .. nun .. der .. Teufel ….“
„Dem muss man aus dem Wege gehen, und du hattest ihn gerufen,“ seufzte die alte Frau.
„Der Teufel .. der Teufel selbst?“ staunte der Bursche.
„nun ja, gewiss, der Teufel selbst in eigener Person, und auf der Schulter trug er eine hölzerne Sense.“
„Eine … eine …
„Eine hölzerne Sense, Johannes, kannst es glauben. Und dann kam er heran und sagte: „Du hast mich gerufen, Wellem, was willst du von mir!“ „O, gar nichts,“ gab ich zur Antwort, „ich machte nur Spaß!“ „Na, na,“ sagte der Teufel, „ich bin nun einmal da, und da gelüstet es mich, mit dir einmal um die Wette zu mähen. Du bist's wohl zufrieden.“ - - - „Ich war's zufrieden und wetzte.““Um was ging die Wette?“ Nur um eins geht’s beim Teufel, das wusste ich und wetzte. Vor uns lag die große Wiese mit prächtigem Grase. Jetzt hieß es geschafft! Ich vorn, hinter mir der Teufel!“ - -
„Wie sah denn der aus?“ Kaum atmete Sophie bei der Frage.
„Wie der aussah?“ Just nicht wie ein junger Freier, nackt war er, nackt, lang, hager und haarig, mit spitzigem Bockbart, Hörneransätzen und Schwanz. - - „
„Hör auf, Vater!“ stöhnte die Alte.
„Warum denn? Lass mich fertig erzählen. Also los gings. Ich vorn. Mächtig holte ich aus. Dick lagen die Schwaden. Hinter mir der Teufel. Seine hölzerne Sense schaffte nicht schlecht. Aber er blieb zurück. Da muß´te ich wetzen. Er kam näher. Sein Werkzeug schnitt ohne Wetzestein. So gings eine Stunde. Die Sonne stieg höher. Der Schweiß rann. Wohl merkte mein Gegner, dass er aufrückte, wenn ich den Wetzestein brauchte. Und listig sprach er oftmals: „Du, Wellem, klingle nochmal!“ Ich klingelte noch manchmal. Er kam nicht näher. Sein Atem ging, der meine auch. Noch eine kurze Strecke, dann lag die Wiese im Dampe. Zwei Schritte war er hinter mir, da holte ich noch ein paarmal mächtig aus. Es flutschte nur so. Links neben mir rauschte die hölzerne Sense. Da holte ich aus, noch einmal, zweimal, und war am Ende. Gewonnen! Einen Schritt nur war der Sackerlöter zurück. Ich ruhte mich nun, und er kratzte sich hinter den Ohren. -
Ein Aufatmen ging durch den Kreis der Zuhörer.
„Gelle, so war's Alte, ich hab' dirs doch gliech erzählt.“
Die Alte nickte, und schüttelte doch mit dem Kopfe.
„Und dann ging der Teufel seines Weges?“ frug Sophie. „Noch lange nicht, wir waren noch eine ganze Weile beisammen. So ein Mähen macht hungrig, und ich fing an zu acheln. Der Teufel hatte sich neben mich gesetzt und sah ärgerlich vor sich hin. Mit dem Schwanze wehrte er sich die Fliegen, die waren schlimm. Ich kehrte mich nicht an seinen Ärger. Aus dem Karnihl kam ein Stück Brot, eine schöne Runkel. Und dann ein Stück Speck, so schön durchwachsen, ist mir noch heute lieber als Schinken. Ich schnitt ab und reichte dem Teufel hinüber. „Puh!“ sagte der und rückte weiter fort. „Fleisch, das essen wir nicht, das gibt Hitze, und wir haben deren genug in der Hölle. Wir sind da Vegetarianer!“ „Dann nicht,“ sprach ich ruhig, „dann nicht, Freund. Der Speck gibt Kraft, ohne den mag ich nicht mähen, genießest du kein Fleisch, fehlt dir Saft und Kraft, wir habens eben erlebt. Ich griff in den Beutel und zog ein Fläschchen hervor, das die Alte mir sorgsam gefüllt. Den Kork ab, mit der Hand über den Hals, dann ein tiefer Zug. Wie das schmeckte und duftete! Mein Freund neben mir schnüffelte mit der Nase. „Was ist das?“ fragte er und rückte neugierig näher. Das ist ein Getränk aus Korn oder auch aus Kartoffeln, da, nimm einen Schluck! Er nahm die Flasche, roch, setzte ab, wieder an und tat einen Zug. „Puh!“ brüllte er und sprang auf. „Ein Höllengetränk; das wäre etwas für meine Großmutter! Die ist alt und kann doch nicht sterben. Das hülfe ihr über. Die Flasche musst du mir lassen.“ Er tat noch einen Zug. Das Zeug war er nicht gewohnt, es ging ihm ins Geblüt. Man konnte es merken. Er tanzte und sprang und schwenkte die Flasche. Da stolperte er über eine Wurzel, dicht bei meiner Sense, tat einen Brüll, fasste nach hinten, da fehlte etwas. Da stand nur ein Stumpf noch und neben dem Sensenblatt lag der übrige Schwanz - habe ihn dir gleich mitgebracht, Alte, gelle - -
"Ein Kälberschwanz wars,“ knurrte die Frau.
„Ja, das sagst du immer, aber du irrst. Du weißt doch, ich hing ihn in den Rauchfang zum Trocknen.“
„Ich sah ihn noch nicht,“ bemerkte der Schwiegersohn.
„Glaub's wohl,“ lachte der Alte verschmitzt, „glaub's wohl, als bei Nacht und Nebel ein Gewitter war, dass die Berge bebten, ist der Sackerlöter durch den Schornstein gefahren und hat das Ding wiedergeholt. Wann war's doch, Alte?“
„Ich weiß es nicht.“
„Aber der Teufel damals?“ frug der Bursche am Türpfosten, „was wurde mit dem?“
„Mit dem? Ja, so. Der fuhr mit Gebrüll und Gestank davon. Mit Gestank, Johannes, es roch, es roch man gerade wie die Zigarette, die du eben ansteckst.“
Der Bursche drücke dem jungen Mädchen flüchtig die Hand und wandte sich zum Gehen.
„Komm bald wieder,“ lachte der Alte, „ich kenne noch mehr solcher Geschichten.“ Johannes winkte ab.
Eine Fledermaus huschte vorbei, vom Walde herüber rief ein Uhu.
„Es ist genug, Alte, für heute,“ sprach Onkel Wellem, „wir wollen zur Ruhe gehen; noch einmal möchte ich mähen können wie damals!“ „Aufschneider, Sprüchtemacher! grollte die Alte, und griff dem Alten unter den Arm. Beide verschwanden im Hause. Aber die ganze Treppe hinauf kicherte Onkel Wellem still für sich hin.


(Aus: Landauf, Landab! von Christian Fleischhauer, Verlag Ernst Funk Nachfolger, 1924)



De Berndropper Kauhlhasen

In Berndropp wor freuher vill Kauhl geplantet. Sau kom ät, datt fast olle Hasen ut der Ümgiegend im Winter de Berndropper Felder un Höwwe ubsochten. Doher auk de Name „Berndropper Kauhlhasen“. – Besonders to lieden wägen därn villen Hasen hadde de bure Koch. Enes Dages kam de Kächske ganz ubgeracht tau ärem Manne gelaupen un rep: „Loui, sei sitt widder do!“ – „Weh!“ säget de Koch. „De Hasen! Wann du se nitt balle dautschküßt, konn mie kennen Kauhl mei etten.“ Do machte sich de Koch up un ging tum Ejerding, de ne Flinte hadde. Se wor stets Schkußbereit, awwer do Koch latte se nochmol, sau datt se bis vorne hinne vullgeplümpert wor. Kaum wor de Burre ferrich, do rep auk schon sinne Frugge: „Loui, de Hasen sitt widder do!“ Unse Loui lächte sich int Kammerfenster, un es durte nitt lange, do gaw et ennen harten Knall, un sinne Frugge rep: „Loui, hei ligget!“ – „Jo“, säget he, „Ick auk!“ Hei hadde, weil de Flinte so vull geladen wor, ennen harten Schlag giergert Kinn gekricht un wor hiengefallen.


(Aus „Sagen und Geschichten aus Korbach und der näheren Umgebung“, zusammengestellt und bearbeitet von Wilhelm Hellwig und Karl Thomas, 1967, Herausgeber: Stadtarchiv Korbach)



Die Einführung der Reformation in Waldeck

In dem waldeckischen Lande fand die durch Luthers fromme und standhafte Bemühung wieder hergestellte evangelische Lehre schon frühzeitig Eingang. Im neunten Jahre, nachdem der teure Mann angefangen hatte, den Missbräuchen und Irrtümern der römischen Kirche zu widersprechen, fing man an, in der Stadt Waldeck evangelisch zu predigen. Dieses geschah am 3. Sonntage nach Trinitatis 1526 und wurde von dieser Zeit an ununterbrochen fortgesetzt. Seit dem Jahre 1529 wurde in Nieder-Wildungen und Mengeringhausen die evangelische Lehre vorgetragen und das heilige Abendmahl der Einsetzung Jesus gemäß gehalten. In den anderen Städten und auf den Dörfern im Lande geschah um dieselbe Zeit ein Gleiches, oder sie folgten bald nach. Und füglich kann man das Jahr 1529 für das Jahr annehmen, worin die Reformation im Waldeckischen fast allgemein eingeführt worden ist. In Corbach fand die evangelische Lehre zwar auch viele Anhänger, aber die öffentliche Einführung derselben erfolgte erst im Maimonat 1543, unter allen Ortschaften des Landes am spätesten.


Ludwig Varnhagen in: "Aus der waldeckischen Heimat", Heft 4, 1925



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