Gedichte und Lieder

Aus dem Waldecker Land



Das Schicksal des mittleren Edertals


Vorwort

Im 19. Jh. wurden vermehrt die Wasserschifffahrtsstraßen ausgebaut. Dies betraf die Flüsse als auch den Neubau von Schifffahrtskanälen. Gegen Ende des 19. Jh. wurde nach einer Möglichkeit gesucht, die Schifffahrt auf der Fulda und der Weser, sowie auf dem neu gebauten Weser-Elbekanal (Mittellandkanal), ganzjährig sicherzustellen. Die Weser führte naturgemäß im Sommer weniger Wasser. Zudem wurde ihr auch zur Feldbewässerung Wasser entzogen. Dies galt es durch Wasserrückhaltebecken auszugleichen. Im Zulaufgebiet der Weser gab es verschiedene Möglichkeiten zur Anlage solcher Wasserbecken. So auch an der Eder, die im Frühjahr zu einem wahren unbändigen Gebirgsfluss anwuchs und ganze Landstriche unter Wasser setzte. Dieser Fluss konnte so viel Wasser liefern, dass mehrere Wasserbecken oder ein besonders großes problemlos mit dem Frühjahrswasser angestaut werden konnte. Bei der Vorstellung der unterschiedlichen Möglichkeiten vor einer preußischen Kommission, fiel der Vorschlag ausgerechnet auf den schönsten Teil des gesamten Edertals, dem mittleren Edertal. Selbst als die Kommissionsdelegation das mittlere Edertal bereiste, waren sie von der Schönheit dieses Talabschnitts begeistert.

Daher kann man heutige Stimmen nicht verstehen, die sagen, die Bericher, Bringhäuser und Aseler wären doch reichlich für ihr Hab und Gut von der preußischen Regierung entlohnt worden. Daher wäre eine heutige Gedenkstätte, die Erhaltung der Grundmauern im Edersee für das Gedenken an das Leid, welches über die damaligen Bewohner dieser Orte hereingebrochen war, nicht notwendig oder sogar unberechtigt. Denjenigen sei gesagt, dass es mit Geld nicht aufzuwiegen ist, wenn man seine Wurzeln, seine Heimat verliert. Auch wenn Heimat heute als etwas Nostalgisches gilt; die meisten Menschen, die ein über Jahre hinweg ortsgebundenes Zuhause in Ihrer Kindheit hatten, werden sich im Alter wieder daran erinnern. Dann nämlich, wenn einem der Alltag dazu Zeit lässt.

So war es auch bei mir. Ich bin zwar hier in Waldeck geboren, habe aber die ersten 12 Jahre meines Lebens in Bad Wildungen verbracht. Die ersten 30 Jahre nach meinem Rückzug nach Waldeck, welches in meinem Inneren immer meine Heimat war, habe ich kaum einen Gedanken an meinen Aufenthalt in Bad Wildungen verschwendet. Ich war zu beschäftigt. Erst danach, kam mir meine Jugendzeit in Bad Wildungen wieder in den Sinn. Auch dort lag ein Stück Heimat von mir und ich konnte an die Orte zurückkehren, wo ich trotz der vielen Beschwerlichkeiten auch schöne Tage verbracht hatte. Zwar hatte sich einiges verändert, aber ich erkannte natürlich die Stellen und Orte wieder, konnte durch die alten Gassen laufen und selbst Oschmanns Schmiede stand noch da. Mit diesen Eindrücken kamen die Erinnerungen an die Erlebnisse in meiner Jugend und mit den Erinnerungen kamen auch die Bilder. Wie Filmausschnitte lief so manches Erlebnis vor meinen Augen ab. Erblickte ich die alten Kugellöcher (Murmellöcher), so sah ich mich mit meinem Kugelbeutel vor Geigers Haus stehen und „Thomas“ rufen. Dann sah ich uns vor Geigers Garage oder auf Rothaugens mit Backsteinen gepflasterten Platz mit unseren Glaskugeln spielen. „Spielen wir um diese zwei 1er und diese 2er. Du musst dann aber vier 1er nehmen. Nee, Herbert nicht mit den Lehmscheißern – nur mit Glaskugeln und nimm ruhig die Marmorkugeln“.

Dies blieb vor allen den Berichern, aber auch weitgehend den Bringhäusern und Aselern verwehrt. Sie konnten nicht mehr an die Stellen Ihrer Jugend, bzw. konnten nicht mehr die markanten Punkte ihrer Heimat anhand von Plastersteinen, Häusern, Plätzen, Bäumen und sonstigen erkennen. Was nicht durch menschliche Hand abgetragen wurde, das hat der See, das Wasser bis zur Unkenntlichkeit verändert. Sie konnten sich nicht mehr auf den Brunnenrand oder auf Höhlen Eingangsstufen setzen und sagen: „Weißt du noch als wir mit 15 hier dem alten Höhle einen Streich gespielt haben?“ oder „Hier auf der alten Dorfstraße ist immer noch die breite Fuge zwischen den Pflastersteinen, mithilfe derer wir hier Stockweitschießen gespielt haben.“ Die Erinnerungen die verblassen ohne die Begegnung mit den alten Stätten.

Unter diesen Prämissen kann man das folgende Gedicht begreifen und empfinden. Es ist nicht die Dichtkunst, die es so einzigartig macht, es ist das Heimweh.


Alte Postkarte

Die Talsperre

Sie kamen zu mir mit einem Sack voll Geld
und sagten: Damit kannst du kaufen die ganze Welt
und sagten, es sei der gemeinsamen Sache zulieb,
und dass mein Opfer in ew’gen Gedenken blieb,
und malten in lockenden Farben den reichen Gewinn, -
und ich gab ihnen Haus und Hof und die Heimat hin. –

Ich zog von dannen und kaufte ein neues Gut
unweit der Statt, die nun in der Tiefe ruht.
Ich baute den Hof mir schmuck und blank,
indes in der Flut mein Elternhaus ertrank.
In den neuen Ställen brüllte das bunte Vieh.
Und mir war’s, als wenn’s nach dem alten Stalle schrie.

Der alte Stall, der war wohl niedrig und klein,
- aber ich hielt ihn doch immer gesund und rein.
Mein altes Haus war eng und nicht halb so fein,
- aber es muss doch noch etwas darin geblieben sein. -
Das Bett und die Stühle trug ich ins neue Haus,
aber eines krampfte sich fest und ging nicht mit hinaus. –

Oft nach der Arbeit sitz ich vor meiner Tür,
da ruft es mit seltsame Klange für und für,
da muss ich ihm folgen und lösen vom Ufer den Kahn
und rudern hinaus die weite Wasserbahn.
Da dehnt sich ein fremder See zwischen Bergen wohlbekannt
und flutet über den Ort, wo mein Häuschen stand,
wo einst die Mutter mich Märchen und Träume gelehrt,
wo der Vater mich hob auf das braune Ackerpferd,
wenn die frischen Schollen dampften zur herbstlichen Zeit,
wo ich in Ernst und Stolz um die blonde Margrit gefreit.
wo die Alten beide sich setzten aufs Altenteil
und lächelten leise der Enkel in guter Weil.

Sie starben, die Alten, selbander auf einen Tag,
dicht hinter der Kirche ihr moosiger Grabstein lag. –
Und es ging die Zeit, und Arbeit nahm Freud und Weh. –
Das deckt nun alles der Tiefe See! –
Und ich fahr hinaus, hinaus in Schmerzen und Scham
bis an die Stätte, woher das Rufen kam
und neige mein Haupt wohl über des Bootes Rand
und lege ans Ohr die alte, schwielige Hand!
Da ist mir, als hörte ich meines toten Hundes Gebell,
und mir ist, als vergaß ich zu lösen an seinem Hals das Seil,
er läge noch nachts vor der Hütte mit seinem verlassenen Geheul.
Mir ist, als ginge mein Vater kopfschüttelnd umher
und fände im tiefen Wasser sein Grab nicht mehr. –
Und dann blicke ich auf und über die weite Flut:
o diese tote, stille Fläche, wie weh die tut!
Dein Grab – ach Vater, der große See
ist ein Heimatgrab, an dem ich weinend steh! –
Ihr Herrn, das habt ihr mit Gold mir nicht aufgewogen,
mich dunkt, ihr Herrn, ihr habt den Bauern doch betrogen!

Gedicht von Karl Feiherr von Berlepsch



Ein Gedicht in Mundart

Böhne – Behne,

kenn Platz es in der ganzen Wält,
der so wie Behne me gefellt.
Die Behnschen hon en guddes Fäld,
do get’ser au, die hon vell Gäld.
Do schinnt de Sunne bess‘ wie hie,
de Quätschen wassen sonder Mieh.
Do wesset Weisse, ach, Herr je,
wie in Hannover nimmermeh,
se konn’en gar net alle bruchen,
un essen doch so väle Kuchen.
Wer Behnsche Aeppel hot geschmacht,
der hot sin Lebdag dran gedacht,
un Bähren hon’se, ach so sieße,
als kemmen’se us’n Paradiese.
In Behne gets au gar kenn Dreck,
den hollen’se alle von Netze weg.
Jo, Behne es der erschte Ort,
au Bärkheim seit derzu kenn Wort.
Un wenn der beste Amtmann kem,
kenn Behnscher duschet met em.
Wer net in Behne es geweißt,
der hot de Wält emmesest bereist.
Nix ewwer Behne, ganz geweß,
es läwe Behne ongeren Keß (Bergseite).


Gedicht von Pastor Hermann Wilhelm Hagemann, Netze
aus Schwarz-Rot-Gold Waldeckisches Heimatsbuch 2. Teil, Verlag Ernst Funk, Bad Wildungen, 1907



Die Wichtelmänner

(von der Eder-Anraff)

Es klopft am Haus des Fährmanns in stiller Mondscheinnacht,
Und durch die Läden raunt es: „He! Fährmann, aufgemacht!

Fahr‘ über gleich zur Stunde der Wichtelmänner Schar,
Die hüben bei den Elfen zum Fest „Johanni“ war.

Es soll ein Lohn dir werden, wie du ihn nie geseh’n,
Dass ohne Sorg‘ und Nöte du kannst durchs Leben geh’n!“

Der Fährmann reckt die Glieder, schaut gähnend in die Nacht
Und zählt die winz’gen Leutchen, es sind kaum mehr denn acht.

Nun Krabbeln sie ins Schifflein und kichern silberhell:
„Zu Fährmann zu, fahr‘ über, zu, Fährmann, schnell, mach‘ schnell!“

Der fasst die zähe Stange und lacht der winzgen Last.
Doch halt! Doch sieh! Was ist das? Er schaut sich um mit Hast.

Das Schiff sinkt bis zum Rande ja in die helle Flut!
Und wie er rückwärts schauet, entfällt ihm jäh der Mut.

Das kribbelt und das krabbelt, das pfeift, das singt, das lacht!
Er zählt und zählet staunend, das sind ja mehr denn acht!

Viel hundert kleine Leute hat er bereits im Kahn,
Und immer klettern welche noch über Bord heran.

Er stösst mit Hast vom Lande, erschrocken bis zum Tod,
Gewinnt das andre Ufer mit Mühe nur und Not.

Hu, wie das springt und krabbelt vom Kahne an den Strand!
Es fliegt, es knirscht, es knistert der feine Edersand.

Wie er, die Stirn sich trocknend, den Hut hält in der Hand,
Da wirft hinein ein jeder ein Händchen feinen Sand.

Da wird der Alte wütend: „Das soll die Zahlung sein?“
Dann wirft er die Bescherung flugs mang die Leutelein.

Die stieben auseinander mit Hast durch Schilf und Rohr,
Noch aus der Ferne schallt es: „Du Tor, du blöder Tor!“

Der Fährmann lenket heimwärts, erzählet, was geschah,
Gleich seiner treuen Alten, die steht versteinert da.

Ihr Auge wird gar ernsthaft, sie wiegt das Haupt und spricht:
„Du bist ein rechter Stoffel! Sand? – Sand war das ja nicht.

Die Wichtelmänner zahlen ja nur mit purem Gold,
Das unser Fluss im Sande hinab zum Meere rollt.

Das hat die Ellermutter mir manches Mal erzählt;
Leicht wärst du reich geworden! Nun heisst’s auf neu gequält!“

Sie hatte wahr gesprochen; denn in dem alten Hut,
Da blinkten helle Körnchen vom Golde gelb und gut.

Das war der Rest von denen, die er in heller Wut
Geworfen in den Haufen; - wie wird ihm weh‘ zu Mut!

Er raset hin zum Ufer, es ward ihm licht und klar,
Dass was für Sand er hielte, ja Edergold nur war.

Er sucht den Platz, wo gestern er stand, wo er im Zorn
Den Sand dahin geschmettert - - - kein Körnchen und kein Korn.

Drauf hat er oft gestanden am Fluss in Harm und Prasst,
Hat manche Nacht am Ufer den Männlein aufgepasst.

Doch nimmer sah er wieder der Wichtelmänner Schar;
Sie sind dahin gegangen, - verschwunden ganz und gar.


Gedicht von Chr. Fleischhauer aus: Waldeckisches Heimatsbuch 1. Teil, Verlag: Chr. Hundt, Bad Wildungen 1906.


Worterklärungen

mang - zwischen
Ellermutter - Großmutter


Grundlage für das Gedicht

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Text von August Koch (1890)

Unter allen Landen deutscher Erde,
preis‘ ich Waldeck mein lieb‘ Heimatland.
Bis zum letzten Atemzuge werde
Ihm ich weihen treulich Herz und Hand.

Mein Waldeck lebe hoch, mein Waldeck lebe hoch, mein treues, liebes Waldeck es lebe, lebe hoch!

Seht das Land im Schmuck der schönsten Wälder,
wenn der Lenz mit neuer Pracht einzieht,
wenn die Berge, Täler, Wiesen, Felder
grün geziert, soweit das Auge sieht.

Mein Waldeck lebe hoch, mein Waldeck lebe hoch, mein treues, liebes Waldeck es lebe, lebe hoch!

Wie so mächtig auf den Höhen rauschen,
Eich‘ und Buche trotzen Sturm und Wind.
Hirsch und Reh im stillen Waldgrund lauschen,
wo der Quell zum klaren Bächlein rinnt.

Mein Waldeck lebe hoch, mein Waldeck lebe hoch, mein treues, liebes Waldeck es lebe, lebe hoch!

Echte Deutsche sind in Waldecks Gauen,
Sachs und Franke reichen sich die Hand.
Fürst und Volk einander stets vertrauen,
Lieb‘ und Treue sind ihr festes Band.

Mein Waldeck lebe hoch, mein Waldeck lebe hoch, mein treues, liebes Waldeck es lebe, lebe hoch!

Schwarz-Rot-Gold sind meine Landesfarben,
dunkler Nacht folgt gold’nes Morgenrot.
Für Alldeutschland Waldecks Söhne starben,
deutsche Treu‘ bewahrend bis zum Tod.

Mein Waldeck lebe hoch, mein Waldeck lebe hoch, mein treues, liebes Waldeck es lebe, lebe hoch!

Fest, oh Waldeck, steht zum deutschen Reiche,
wie dein hohes Felsenschloß so fest!
Grün' und blüh' gleich deiner schönsten Eiche,
stürmt es auch von Osten oder West.

Mein Waldeck lebe hoch, mein Waldeck lebe hoch, mein treues, liebes Waldeck es lebe, lebe hoch!



Die Kraftprobe

Im schönen Hessenlande, aus grünem Buchenwald,
Da ragt in ihren Trümmern die Weidelsburg, so alt.

Und drüben, auf der Höhe, am schönen Ederstrand,
Da blick vom steilen Felsen Burg Waldeck in das Land.

Dort in den Burgen hausten zwei Ritter, ehrenwert;
Sie liebten Wein und Minne, die Fehde und das Schwert.

Graf Heinrich hieß der eine, der dort am Ederstrand,
Und Reinhard wohl der and´re, der dort im Hessenland.

Sie waren strarke Recken, die beiden edlen Herrn,
Doch, wer der Stärkere wäre, das wüßten beide gern. -

Es war ein Sommermorgen, gar wonniglich und warm,
Da klopft´s an Waldecks Tore mit wuchtig starkem Arm,

Und auf den Schloßhof schreitet ein Knecht von Reinhards Troß
Und schaut mit schlauem Auge hinauf zum Grafenschloß.

Er lehnt sich fein bedächtig auf einen Eisenstab,
Vierkantig, fest, geschmiedet, den ihm Herr Reinhard gab,

Und spricht, zum Graf gewendet, der auf dem Söller steht:
„Euch bietet Gruß und Handschlag, Herr Graf, mein Herr! - und seht,

Er sendet Euch ein Stäblein, von Eisen, fest und gut,
Läßt Euch zur Probe fordern mit frischem, frohem Mut:

Wer dieses Stäblein bieget, ob Ihr, ob er, ganz gleich,
Der soll als Stärkster gelten in beider Burgbereich!“ -

Graf Heinrich lächelt listig, als ihm die Kunde ward
Und streichelt sinnend, träumend, den langen blonden Bart,

Und heischet, zu bewirten den müden Wandersmann,
Auf daß er, neugekräftet, den Heimweg machen kann.

Doch durch des Schlosses Hallen dringt rasch die selt’ne Mär; -
Wie wird der Graf bewahren des Hauses Ruhm und Ehr?

So fragt besorgt ein jeder, ob Ritter oder Knecht;
Neugierig steht nicht minder das weibliche Geschlecht.

Der Fremde, neugestärket, tritt zu dem großen Hauf,
Rühmt seines Herren Stärke - und schneidet wacker auf.

Da schreitet aus der Halle der Graf im Eisenkleid,
Faßt flugs mit Eisenhänden die Stange lang und breit.

Er legt sie auf die Schulter dem Boten derb und flink
Und biegt sie vorn zusammen zu einem selt’nen Ring.

Der Fremde knickt zusammen beim Druck der Eisenfaust,
Indeß in weiter Runde des Trosses Jubel braust.

Er faßt, zum Tod erschrocken, an seines Halses Schmuck,
Er prußtet, zerrt und reißet, vergebens jeder Ruck.

Drauf spricht der Graf mit Lachen: „Nun grüß‘ Herrn Reinhard mir
Und zeige sonder Säumen ihm deine stolze Zier,

Und sag‘ ihm, wenn er löse dich von dem Eisenring,
Sei gegen seine Stärke die meine nur gering!“

Und dann zu seinem Schenken: „Nun einen tücht’gen Schluck,
Der kräftige den Träger vom selt’nen, schweren Schmuck!“ -

Am andern Tage pochet - es war gar sonnig warm -
Es an Schloß Waldecks Pforte mit müdem, schwachem Arm,

Und auf den Schloßhof schreitet und vor den Grafen tritt
Des Herrn von Dalwigk Bote mit müdem, schweren Schritt:

„Herr Graf, vergebens mühte Herr Reinhard seinen Arm,
Ich bitt Euch, löst mich wieder aus Qual und bitterm Harm!“

Laut lachend löst Herr Heinrich den Knecht aus seiner Haft,
Er biegt den Ring von Eisen zurück mit Riesenkraft,

Läßt sich den Boten letzen mit Fleisch und Brot und Wein
Und lädet bei Herrn Reinhard sich drauf zu Gaste ein:

„Wenn heut‘ die Sonne sinket dort über Berg und Tal,
Bin ich in Stahl und Eisen bei euch im Abendstrahl,

Wir halten in der Halle bei Wein ein froh Turnei,
Der Morgen mag uns künden, wer da der Stärk’re sei!“

(Gedicht von Chr. Fleischhauer - Nach einer Sage
Aus: Waldeckisches Heimatbuch, 1. Teil: Geschichte, von Chr. Fleischhauer, Verlag Chr. Hundt, Bad Wildungen 1906)


Worterklärungen

Turnei - Ritterspiel bei Turnieren. Wurde meist mit stumpfen Waffen ausgetragen.



Am Weihnachtsabend

Es war am Weihnachtsabend, letztes Jahr,
ein kalter Nord ging stöhnend durch die Gassen;
auf Feld und Flur lag weißer, weicher Schnee,
und wieder fing es leise an zu rieseln.
Hier blitzt ein Lichtschein auf und dort noch einer!
Und droben steigt jetzt Stern bei Stern herauf,
ein Lichterbaum, voll Majestät und Pracht.

Dort an der Ecke steht ein kleiner Kerl
in dünner Jacke, halb zeriss'nen Schuhen,
die steifgefrorenen Hände halten Besen,
mit denen ihn der Vater und die Mutter
hinausgesandt. Und wimmerd klingt das Stimmchen,
der Ton verweht im harten, kalten Nord!
Wer kauft heut' Besen, heut' am Weihnachtsabend!?
Da hellt sich jäh des Kindes Blick; den dort
naht einer, den man fromm nennt in dem Orte.
„Der kauft!“ so denkt das Kind und hebt die Hände:
„Kauft Besen, Herr, die letzten sind's, das ich
den Hungernden daheim ein Brot kann kaufen!“
„Mach Platz!“ so herrscht der feine Mann es an.
„Was treibst du dich, am heil'gen Abend gar,
im Schnee herum! Geh! Mach dich fort! Geh heim!“
Und fester zieht den Pelz er, weiter eilend.
Das Kind steht starr und eine Träne rinnt ihm über die vergrämte Wange.

Da tippt eine Hand ihm leise auf die Schulter.
Im Arbeitskittel steht vor ihm ein Mann
und fragt den kleinen nach dem Preis der Besen.
Nur wen'ge Groschen gilt der Rest und doch –
Der Mann zählt zweimal, dreimal seine Heller.
Er hat nichts übrig, ach sein Lohn ist karg
und viel der Mündchen, die auf Speisen harren.
Und doch! Des Knaben Not sie geht im nah,
er sieht des Kleinen Tränen, weint sie mit
und grollend folgt sein Blich dem harten Manne,
der nah' ihm wohnt, im prunkenden Gemach,
der, reich und fromm, des Kindes Schmerz nicht fühlte.
Vom kargen Lohn kargt er die nöt'gen Groschen
und drückt dem Kind das Geld rasch in die Hand.
Froh springt der Kleine fort, und langsam geht
der Mann die Straße, in dem Arm die Besen.
Was soll er mit den Dingern? Hätte er
nicht Bess'res für die Seinen kaufen können?
Und doch, ihm ist um's Herz so leicht und wohl!

Da tönt des Nachbars Stimme an sein Ohr,
„Ihr handelt auch, Herr Nachbar, oder solls
ein Christkind für daheim sein, für die Mutter?“
Er kam zurück, im pelzverbrämten Rocke
und das Gesangbuch unter seinem Arme,
wohl auf dem Weg' zum Gotteshause, wo
des Chriskind's wird gedacht am heil'gen Abend.

Da schaut ins' Auge ihm der Arbeitsmann
und leise spricht er, aber ernst und fest:
„Die Besen kauft ich einem Kinde ab,
das halb vom Frost erstarrt stand an der Ecke;
und könn' ich, Herr, ich würde mit den Besen
an diesem Abend aus der Christenheit
mit Freuden fegen alle Heuchelei
und alles hohle, falsche Christenwesen!“

Leicht hüstelnd ging der fromm Mann von dannen.


Aus: "Landauf, landab!" (siehe "Quellen und Literatur" Nr. 4) Verfasser des Gedichtes unbekannt



Weihnacht!

Warm tönts durch kalte Nacht:
„Christ ist geboren!“
Heil ward der Welt gebracht,
Ihr, die verloren.

Jauchzend tönt Engelsang
Jauchzend hallt Glockenklang
„Christ ward geboren!“

Doch in den Jubelklang:
„Christ ward geboren“,
Mischt sich die Frage bang:
„Bist du erkoren?“

Wenn Christ nur in die Welt,
Nicht in dir Einzug hält,
Bist doch du verloren!


Aus: "Landauf, landab!" (siehe "Quellen und Literatur" Nr. 4) Verfasser des Gedichtes unbekannt



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